Output des Workshops: Syrische Frauen auf der Flucht und in Deutschland

 

Während der Flucht und im Exil werden Frauen mit gender-spezifischen Herausforderungen konfrontiert. Wir glauben, dass diesem Thema deutlich zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird. Deshalb haben wir einen Workshop durchgeführt, um uns ein Bild über die Situation von syrischen Frauen im deutschen Exil zu machen und um herauszufinden, in welchen der folgenden Bereiche für sie die größten Herausforderungen liegen:

psychische Auswirkungen,

Integration und Alltag,

Emanzipation und Frauenrechte.

 

Im Folgenden fassen wir die Ergebnisse des Workshops zusammen. Sie repräsentieren die Meinungen der Workshop-Teilnehmenden und nicht automatisch des FKS. Der englischsprachige Workshop fand am 17. Juni 2017 in Berlin statt. Teilgenommen haben sowohl syrische Frauen, die hier im Exil sind, als auch nationale und internationale weibliche Teilnehmende, die auf dem Gebiet der “Integration” arbeiten.

Die Zusammenfassung erfolgte durch die Organisator*innen des Workshops:

Hannah Newbery, Celine Kempen und Katrin Gildemeister

14.10.2017                                                                                                                       

 

Psychologische Aspekte

Gewalt: Viele Geflüchtete erleben oder sind Zeuge von traumatischen Ereignissen, wie Folter, Unterdrückung, Verletzungen oder Gewalttaten gegen Freunde und Familie. Frauen sind in dieser Extremsituation einem besonders hohen Risiko ausgesetzt, da im Krieg, auf der Flucht und auch in Exilsituationen gender-basierte Gewalt (GBV) (sexuell, physisch, psychisch) nachweislich stattfindet. Unzureichende Schutzbedingungen - insbesondere für allein flüchtende Frauen - und mangelnde Privatsphäre verstärken die Gefahr von Gewalttaten gegenüber Frauen.

Identität: Die meisten Geflüchteten aus Syrien können auf unbestimmte Zeit nicht in ihre Heimat zurückkehren, und dies ist – in Kombination mit dem Bewusstsein einer unsicheren Zukunft – psychologisch betrachtet eine große Herausforderung. Mit dem erzwungenen Verlassen der Heimat beginnt für sie eine ‘Zwischenperiode’, eine Phase der kompletten Verunsicherung, d.h. eine riesige Herausforderung für ihre Identität. In den Gastländern müssen die Geflüchteten sich an eine neue ‘Kultur’ gewöhnen (soziale und systemische Faktoren), ihr Leben / Identität neu aufbauen und auch hier sind Frauen mit ganz besonderen Herausforderungen konfrontiert: Soziale Isolation (z.B. wenn sie wegen Kindern ans Hause gebunden sind oder sie aufgrund der Rahmenbedingungen ihr gewohntes Leben nicht weiterführen können und mental nicht fähig oder willens sind, etwas Neues anzufangen…), sehr hohe Anforderungen (z.B. eine dreifache Belastung durch Haushalt, Kindererziehung und Geldverdienen) oder Druckausübung durch Familienmitglieder (z.B. verwehrte Forderung nach Unabhängigkeit und Freiheiten). Oft wird das Einleben im Aufnahmeland durch eine Fremdzuschreibung erschwert, die die Identität von Frauen auf die von Geflüchteten reduziert, der Person dahinter aber keinen Raum mehr gibt. 

Anpassung an eine neue Umgebung: Der Versuch ein neues Leben aufzubauen, ist auf verschiedenen Ebenen schwierig. Zuerst muss die Kraft gefunden werden, den Gedanken an ein neues Leben zu wollen oder zu akzeptieren, dann muss der Zugang zu Leuten oder Institutionen gefunden werden, die einen unterstützen. Diese Hindernisse bergen die Gefahr, dass Frauen sich an eine unangenehme Situation gewöhnen und anfangen, negative Lebensbedingungen zu normalisieren. Über ihre traumatischen Erfahrungen hinaus erhöht dies die Gefahr, psychologische Probleme wie PTBS (Posttraumatische Belastungsstörung) zu entwickeln.  Dies kann sich u.a.  in körperlichen Schmerzen, Depression, Angst und ‘posttraumatic stress disorder’, ‘flashbacks’ oder in einem sozialen Rückzug äußern.  

 

Emanzipation und Frauenrechte

Mangel an Wissen und Zugangsmöglichkeiten: Viele syrische Frauen kennen entweder ihre Rechte in Deutschland nicht oder sie kennen sie aber wagen nicht, sie zu beanspruchen. Frauen müssen ihre Rechte kennen, damit sie auf die bestmögliche Weise mit der ‘deutschen Kultur’ und den hier gebotenen Möglichkeiten umgehen können.  Um die Herausforderung ganzheitlich zu bearbeiten ist es wichtig, auch Männer an dem Prozess zu beteiligen. Auch für sie ist es wichtig zu verstehen, welche Rechte Frauen in Deutschland haben.

Mangel an Ressourcen und Plattformen: Syrische Frauen haben viel zu erzählen und könnten dazu beitragen, dass deutsche Bürger*innen ein besseres Verständnis für ihr (syrisches) Herkunftsland, ihre Gefühle und Erfahrungen entwickeln.  Es fehlt jedoch an Ressourcen und geeigneten Plattformen. Darüber hinaus ist ‘die Öffentlichkeit’ allzu oft nur an ihrer Geschichte als Geflüchtete interessiert und nicht daran, die einzelne Person dahinter zu verstehen. Das kann sehr frustrierend und demotivierend sein und ist eine vergebene Chance, nicht nur generelle Toleranz gegenüber Geflüchteten, sondern auch Respekt und Verständnis für die einzelnen Frauen zu generieren.

Chancen für Frauen-Empowerment: In Deutschland ist es einfacher als in vielen Teilen Syriens ein selbstbestimmtes Leben zu führen (sexuell, beruflich, Wohnsituation…). Dies ermöglicht viele Chancen und Möglichkeiten insbesondere für die Frauen, die aus traditionellen Familienstrukturen kommen. Die Voraussetzung sind jedoch Rahmenbedingungen, die ein selbstbestimmtes Leben ermöglichen. Auch für die nachfolgenden Generationen birgt dies Potenzial. Viele syrische Frauen, die als Mütter hierher kommen, sind vor allem für die Kindererziehung verantwortlich. Sie vermitteln ihren Kindern Werte, die sich sehr wahrscheinlich im Exil mit den Werten der Aufnahmegesellschaft vermischen und zu neuen Perspektiven führen können. Auf der anderen Seite gilt zu bedenken, dass in einigen Gebieten in Syrien patriarchalische Strukturen in Gesellschaft und Familie noch immer üblich sind und die unterschiedlichen Normen und Werte hier in Deutschland auch zu einem Abwehrmechanismus führen können und somit zu dem übermäßigen Festhalten an dem bereits bekannten Wertesystem (ohne zu vergessen, dass auch Deutschland patriarchalische Strukturen kennt). Insgesamt ist es wichtig zu bedenken, wie dieser Hintergrund die Situation der Frauen hier beeinflussen könnte.

 

Integration und Alltag

Erwartungen: Es gibt verschiedene Definitionen und Aspekte von Integration und dementsprechend nicht nur eine Erwartungshaltung in der deutschen Gesellschaft gegenüber Geflüchteten. Das führt zu Verwirrung und Unverständnis auf Seiten der NewcomerInnen. Wichtig ist, Integration als einen Prozess anzuerkennen, der in zwei Richtungen geht: Sowohl die ankommenden Geflüchteten, als auch die Einheimischen müssen den Prozess unterstützen. Häufig wird Integration jedoch kommuniziert als ‘deutsche Sprache, Normen und Gesetze lernen und anerkennen’ und hier verschmelzen die Grenzen zwischen Integration und Assimilation: Die Entfremdung vom Heimatland, seinen Traditionen und Religion(en). Das konterkariert den Prozess hin zu einer geteilten Basis für ein gemeinsames Leben in Deutschland.

Alltägliche Herausforderungen: Frauen sind hier im Alltag mit speziellen Herausforderungen konfrontiert, insbesondere in Sammelunterkünften für Geflüchtete: Mangel an Privatleben (was zu dress codes führt, an die sie sich halten müssen, usw.), unzulänglicher Zugang zu Küchen und Waschräumen (oder völlige Abwesenheit), schlechte Behandlung durch Sicherheitspersonal oder Mangel an Übersetzern. All dies erschwert das Einleben in ein unbekanntes Land.

Ältere Frauen: haben häufig größere Schwierigkeiten, sich hier einzuleben, als Mitglieder der jüngeren Generation, die ihre Zeit im Exil leichter als ‘neuen Anfang’ betrachten können. Für die ältere Generation ist es schwieriger, die neue Sprache zu lernen, womit das Risiko der sozialen Isolierung steigt.

 

Was sollte erreicht werden?

Bewusstsein und Offenheit auf allen Seiten;

Humane Lebensbedingungen für geflüchtete Frauen in Deutschland und während ihrer Flucht, insbesondere psychische und physische Sicherheit für Frauen in Asylheimen und Chancen auf eine Privatsphäre;

Sichtbarkeit von Chancen, Einrichtungen, Institutionen, auch von der deutschen Regierung und NGOs;

Zugang: Zugang zum öffentlichen Leben, zu Aktivitäten außerhalb der Asylheime, leichterer Zugang zu Sprachunterricht und zu sicheren Räumen und Personen, die Vertrauen aufbauen und Hilfe beim Einleben ermöglichen, insbesondere auch ohne die Gegenwart von Kindern und Ehemännern;

Wissen stärken über Gesetze, allgemeine Menschenrechte und Rechte in Deutschland, insbesondere Rechte für Frauen und Subgruppen (Erkennen und Ansprechen von Untergruppen, z.B. Analphabetinnen oder ältere Frauen…).

 

Was ist nötig, um die Ziele zu erreichen?

Ressourcen: Kitaplätze, Alternative zu Sammelunterkünften, separate Waschanlagen für Frauen, Anlaufstellen für die Frauenberatung;

Bildung auf beiden Seiten:

Wer? Polizei, Sozialarbeiter*innen, Freiwillige, Psychologe*innen, zielgruppengerechte Bildung für Geflüchtetengruppen.

Was? Traumabehandlung, grundlegendes psychologisches Wissen, Angebot für Kinder, in ihrer Muttersprache lesen und schreiben zu lernen, Regionalseminare für beide Seiten (Verständnis für die Geschichte, ‘Kultur’ und Sitten der jeweils anderen Seite), separater Sprachunterricht für Analphabet*innen;

Workshops: Hier wiederum Zugang für Frauen in Heimen aber auch, wenn sie in ihren eigenen Wohnungen leben. Beispiele für Inhalte: Austausch über Recht- und Werte-Themen, Empowerment von Frauen.

Unterstützung: Kontakt mit syrischen Menschen, die schon länger hier leben, um die Ankunft zu erleichtern, Übersetzer*innen, Rechtsanwält*innen: Schaffung eines Netzwerkes, damit Zugang erleichtert wird.

 

  • Was wir während dieses Diskussions-Workshops besprochen haben, mag vielleicht nicht der Weisheit letzter Schluss sein. Aber da das Thema und die damit einhergehenden Probleme immer noch nicht genügend angesprochen werden, war es unser Anliegen, auf die Unzulänglichkeiten hinsichtlich geflüchteter Frauen und ihrer Situation in Deutschland aufmerksam zu machen. Es ist ein dringendes Thema, und wir wollen Euch und andere motivieren, die Nachricht zu verbreiten und tätig zu werden.

 

Wir danken allen Teilnehmer*innen und Unterstützer*innen für das Möglichmachen des Workshops!

Besonderer Dank gilt der Common Ground Initiative der Universität der Künste (UdK) Berlin für die Bereitstellung der Räumlichkeiten